“Der Körper als lebendiges Archiv”

Wayne McGregor erklärt, wie er anhand seiner DNA Tanz entwickelt 

Text: David Jays 

Der Denker der britischen Tanzszene entwickelt in seiner innovativen neuen Vorstellung anhand seines eigenen genetischen Codes eine Choreografie. Sein neuestes Experiment ist entstanden in seinem Hi-tech-Tanzhauptquartier, wo der Aufzug die Farbe wechselt und die Tänzer*innen in verspielten Räumen proben. 

Portraitfoto von Wayne McGregor

Wayne McGregor blickt von dem Airstream-Wohnwagen, der auf dem Dach des neuen Hauptsitzes seiner Tanzkompanie steht, über den Olympiapark von Stratford, East London. Es ist kein gewöhnlicher Hauptsitz für eine Tanzkompanie. Aber McGregor ist auch kein gewöhnlicher Choreograf. Der Denker der britischen Tanzszene möchte immer wieder Neues erforschen. Seine Arbeit mit Ballettkompanien sorgt oft für Schlagzeilen, denn das Ballett ist eine Welt, die mit radikalen Entscheidungen, mit der Musik von Mark Ronson oder The White Stripes zum Beispiel, oder mit großen Ideen über das Multiversum – nicht vertraut ist. McGregor Kompagnie aber ist ein Forschungslabor.

Der Ausgangspunkt für seine neue Arbeit “Autobiography”, in der der Tanz-Nerd seine eigene DNA nutzt, ist die Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen des Wellcome Trust Sanger Institute. “Wenn Sie in "Autobiography" eine Darstellung meines Lebens erwarten mit einer Geschichte darüber, wie ich in Stockport aufgewachsen bin, dann werden Sie enttäuscht sein”, grinst er. Es ist eher ein biografisches Cluedo mit Genen. Der Ausgangspunkt der Choreografie war McGregors Überlegung, wie künstliche Intelligenz (KI) das Archiv seiner 25-jährigen Arbeit im Tanzbereich beleben könnte. So kam er dazu, den Körper wahrzunehmen als “ein lebendiges Archiv. Nicht um sich der Nostalgie hinzugeben, sondern als Spekulation über die Zukunft. Jede Zelle trägt in sich die Blaupause des eigenen Lebens." Ihr Erbgut erzählt die Geschichte ihrer Vergangenheit – und sagt mögliche zukünftige Erlebnisse voraus.

Es ist ein Stück, das sich jeden Abend verändert. Es gibt 24.000 verschiedene Möglichkeiten, so oft werden wir das gar nicht aufführen!

McGregor wollte mehr wissen und nahm am online DNA- Test “23andMe” teil. “Aber das reichte nicht aus – ich wollte die ganze Sequenz [des Genoms].” Wissenschaftler*innen aus Utrecht ermöglichten ihm den Zugang zu “drei Milliarden Informationen. Das ist ein riesiges Archiv – 60 Bände der Encyclopedia Britannica. Wenn Genetik ein Datenspeicherungssystem ist, wie kann man dann Tanz in unserer genetischen Struktur speichern? Mich interessiert, wie man diese Information nutzen und in andere Formen konvertieren kann.”

Wie wird aus Daten Tanz? “Autobiography” ist eine Hommage an den amerikanischen Choreografen Merce Cunningham, der als Erster Software nutzte, um neues choreografisches Material zu entwickeln. In dem Programmheft erklärt Uzma Hameed, die Dramaturgin von“Autobiography”: “Diese Arbeit hat einen Rahmen, der wie zwei Buchstützen den Anfang und das Ende bestimmt. Dazwischen werden 23 Bände aus der Lebensbibliothek ausgewählt und für jede Vorstellung, anhand eines Algorithmus, der auf McGregors genetischem Code beruht, in eine neue Reihenfolge gebracht. Für jede Aufführung wählt der Computer nach dem Zufallsprinzip einen anderen Ausschnitt des Codes des Choreografen aus und bestimmt somit, welchen Teil das Publikum zu sehen bekommt, von wem er getanzt wird und in welcher Reihenfolge. Das System sieht vor, dass jede einzelne Code-Sequenz nur einmal benutzt werden kann, so dass keine zwei Vorstellungen einander ähneln.”

Laut McGregor handelt es sich um eine Arbeit, “die sich jeden Abend verändert. Es gibt 24.000 verschiedene Möglichkeiten, so oft werden wir das gar nicht aufführen! Es ist eine Herausforderung für die Tänzer*innen, vorher nicht zu wissen, was sie tun werden, dem aber trotzdem einen Sinn zu geben. Das ist ein kleines Experiment, das die Idee des life-writing direkt aufgreift. Das Leben wird gelebt, darüber haben wir keine Kontrolle, und mit solchen Situationen des Kontrollverlusts müssen wir umgehen können. Das kann wirklich schön sein.”

Wenn man eine neue Arbeit von McGregor sieht, nimmt man oft erst die großen Ideen und die innovative Technologie wahr. Erst später nimmt man einen Unterton von Hoffnung und Leid in den Stücken wahr. Wie persönlich ist “Autobiography”? “Wir haben mit vielen sehr intimem Material gearbeitet, das ich noch niemandem gezeigt hatte: Familiengegenstände, Fotos, Gedichte, die ich geschrieben habe.” Aber er es geht ihm nicht um Selbstenthüllung: “Für mich waren Autobiografien immer eine Fiktion”, sagt er.

Wir haben gerade die neue Heimat der Kompanie erkundet, begleitet von dem schlanken, durchtrainierten McGregor, der unverhohlen strahlt wie der Willy Wonka der zeitgenössischen Tanzarchitektur. Die meisten Tanzinstitutionen sitzen in beengten Büroräumen und anonymen Tanzstudios, aber dieses großräumige Gebäude, das im ehemaligen Olympiadorf angesiedelt ist, verfolgt einen neuen Ansatz: “Wir müssen alle Regeln, die Tanzstudios bestimmen, neu denken”, sagt McGregor. “Erst kamen die Ideen, dann haben wir versucht, an der Vision festzuhalten, aber auch das Budget einzuhalten. Es muss nicht teuer sein, aber schön.”

Man findet hier Originalwerke von Josef Albers (schon lange ein Favorit), einen gläsernen Aufzug, der die Farbe wechselt, während er sich bewegt und einen pechschwarzen Obsidian-Globus. Man hat einen Panoramablick über die Skyline von London und eben den geliebten Airstream. “Es geht darum, wie man Räume spielerisch gestaltet, indem man seine Wahrnehmungsfähigkeiten unterschiedlich einsetzt”, sagt der Choreograf.

“Es ist ein Raum, der dafür gemacht wurde, dass Künstler*innen hier Tanzstücke erarbeiten”, betont er. McGregor ist nicht der einzige, der hier arbeitet. In einer Stadt mit sehr teuren Proberäumen, ist das neue Gebäude ein Segen – erfordert von den Künstler*innen aber auch eine besondere Gegenleistung. “Ich fand von Anfang an, dass es eine Niederlage wäre, wenn das Gebäude die ganze Zeit an kommerzielle Akteure vermietet würde. Natürlich muss es sich rechnerisch ausgehen. Aber jedes Jahr laden wir 25 Künstler*innen und ihre Teams ein, die Proberäume fünf Wochen lang umsonst zu nutzen.” Dazu gehören etablierte Namen wie Shobana Jeyasingh und Candoco Dance Company, aber auch aufstrebende Künstler*innen. “Für jede Woche, die wir ihnen geben, geben sie mir einen Tag um an Bildungsprogrammen zu arbeiten. Künstler*innen proben in den Räumen, und entwickeln im ganzen Land 25 Wochen lang an wirklich spannenden Bildungsprojekten.”

Außer den neuen Räumlichkeiten seiner Kompanie, hat McGregor gerade weitere Anlässe zum Feiern. Seine Kompanie ist 25 Jahre alt - für eine unabhängige Tanzkompanie ist es bemerkenswert, so lange zu überleben und sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. 2016 feierte er seine 10 Jahre als Hauschoreograf des Royal Ballet, das eine Retrospektive seiner Arbeiten zeigte: von “Chroma” (2006) - immer noch ein starkes Ballettstück – bis hin zu dem gewagten “Woolf Works”. McGregor raunt: “Man blickt mit dem heutigen Blick auf Entscheidungen von damals zurück – das ist nie angenehm.” Aber die Erfahrung hat ein wichtiges Prinzip bestärkt, nämlich dass “Künstler*innen im Geschäft des Scheiterns sind. Man muss herausfinden, was die nächsten Fragen sein werden – was ist in diesem Entwicklungsprozess wichtig? Man muss Entscheidungen treffen: Was möchte ich in die nächste Arbeit integrieren und was nicht?”

Neben Lucy Carter, seiner treuen, genialen Lichtdesignerin, arbeitet McGregor bei jedem Stück mit neuen Künstler*innen zusammen. “Das ist eine bewusste Entscheidung”, räumt er ein. “Man braucht Störenfriede, Personen, die die eigene Arbeitsweise stören. Man muss etwas Neues erkunden, sonst hat es keinen Sinn.” An “Autobiography” waren unter anderem die elektronische Musikerin Jlin (“sie schreibt sehr persönliche, sehr rhythmische Musik, die etwas von meiner Energie ausdrückt”), der Künstler Ben Cullen Williams und der Künstler und Designer Aitor Throup beteiligt. “Erst bin ich immer ein Fan dieser Leute, dann spreche ich sie an.”

Auf dem Papier scheint McGregor distanziert, als ein Mann der Ideen. Seine Programmhefte sind berüchtigt dafür, hermetisch zu sein. Aber wenn man ihn trifft, sprudelt er vor Enthusiasmus. Dieser umfasst auch seine Aufträge im Modebereich, in der Kunst und in Filmen mit großen Budgets. Er arbeitet demnächst an Josie Rourkes Debütfilm “Mary Queen of Scots” und beendete vor kurzem “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind 2”. „Ich finde es einfach toll”, strahlt er. “Es macht Spaß, den Leuten das zu geben, was sie sich vorgestellt haben, nicht die eigene komische Interpretation zu verfolgen. Und man hat die Gelegenheit, mit einer Technologie zu arbeiten, die man danach für seine eigene Arbeit zweckentfremden kann.”

Ich nahm McGregor erst als Solo-Künstler wahr, der einen mit seinem weitgefassten Tanzbegriff und bizarren Bewegungen von anderen Planeten durchaus auch überforderte. 25 Jahre später entdeckt er noch immer neues Terrain. “Ich habe nach wie vor Lust, neue Projekte zu entwickeln und Zugang zu faszinierender Wissenschaft zu haben.” sagt McGregor. “Genetik und Künstliche Intelligenz – das ist ein riesiges Feld, das in den nächsten fünf Jahren durch die Decke gehen wird.” Und in seiner Willy Wonka-Tanzfabrik ist McGregor, bereit zum Start.

Dieser Artikel wurde erstmals im The Guardian im Oktober 2017 veröffentlich.  

Übersetzt aus dem Englischen von Anna-Katharina Johannsen.

Company Wayne McGregor
Autobiography

17.+18.8., 19:00 | 19.8., 17:00
Haus der Berliner Festspiele