Grußworte

Eine Atmosphäre sich verändernder Druckverhältnisse

Programmeinführung von Ricardo Carmona


Das Wetter wogt durch die Welt wie eine unsichtbare Choreografie. Es ballt und verschiebt sich, es nähert sich langsam oder ist auf einmal da. Winde leiten Meeresströmungen und Seewege um, Hitze verändert die Landschaft, Stürme bauen sich in großer Entfernung auf, ehe sie bei uns an die Tür schlagen. Die Welt, gleich dem Wetter, ist in Bewegung. Aktuelle faschistische Tendenzen und rechtsgerichtete Regierungen schaffen ein politisches Klima mit veränderten Bedingungen: Druck wird aufgebaut, Allianzen verschieben sich, Spannungen nehmen zu und entladen sich wie ein plötzliches Sommergewitter. In Zeiten wie diesen ist die Kunst – wie das Wetter – niemals nur Hintergrundgeschehen: Sie ist eine politische Kraft mit Wechselwirkung, die unseren gegenwärtigen Zustand prägt. Sie beeinflusst und spiegelt unsere Bewegungen, Gefühle und Begegnungen.

In diesem Jahr entfaltet sich das Festival wie eine Wetterkarte: umgelenkte Strömungen, Wärmefronten und aufkommende Winde. In diesem veränderten Klima schaffen Begegnungen zwischen Künstler*innen, ihren Arbeiten und dem Publikum Momente der Aufmerksamkeit und Möglichkeit. Das Festival wird selbst zur Atmosphäre, die wir gemeinsam bewohnen, in der wir durch wechselnde Witterungen manövrieren und unstete Winde kreuzen.

Wettersysteme machen vor Grenzen nicht halt. Winde ziehen über Territorien hinweg; sie bringen Hitze, Feuchtigkeit, Lebewesen und Staub von einer Region in die andere und formen auf ihrem Weg klimatische Verhältnisse um. Auf ähnliche Weise befassen sich im diesjährigen Festival verschiedene Künstler*innen mit transnationaler Zugehörigkeit und Identität und stellen den Nationalstaat infrage. Joana Tischkau, Jeremy Nedd und Sophie Yukiko untersuchen gemeinsam mit der Malpaso Dance Company Spannungsverhältnisse zwischen kultureller Authentizität und Exotisierung, Mohamed Toukabri erkundet den Einfluss von Sprache und Migration auf seinen persönlichen Lebensweg. Marco da Silva Ferreira nutzt tänzerisches Vokabular als Mittel des Widerstands gegen Militarisierung, Gewalt und toxische Männlichkeit, und bei Outbox Movement treffen verschiedene Tanzstile aufeinander und brechen aus festgelegten Rahmen aus. Wie Luftströmungen bewegen sich diese Arbeiten über Grenzgebiete hinweg und sehen Zugehörigkeit als fluide, wandelbare Eigenschaft, die uns verbindet.

Auch die Zeit beeinflusst das Wetter. Luftschichten bergen Teilchen und Echos weit entfernter Ereignisse und bilden Wolken aus dem, was zuvor geschah. Einige Künstler*innen betrachten Geschichte nicht als festgeschriebenes Narrativ, sondern als uns umgebendes Klima. Chara Kotsali greift Geschichte neu auf – als eine Reihe von Umbrüchen und Enttäuschungen. Trajal Harrell behandelt Songs als Gedächtnisarchiv und Calixto Neto denkt über Musik als Akt des Widerstands und der Solidarität nach. En–Knap mit Emese Cuhorka und Csaba Molnár arbeiten mit vielschichtigen Zitaten aus dem westlichen Tanzkanon, während Kasia Wolińska die Geschichte als Instrument zur Wiedergeburt verwendet.

Die globale Atmosphäre zeigt sich gegenwärtig zunehmend wechselhaft; lebensfeindliche, oft plötzliche Verschiebungen gestalten die geopolitische Landschaft neu. Für viele wird die Luft spürbar dünner. Agnietė Lisičkinaitė und Igor Shugaleev setzen sich mit den Auswirkungen von Russlands Vollinvasion in der Ukraine auseinander. Jumana Dabis befasst sich mit Resilienz und Instabilität in Gaza und Diana Niepce untersucht Körper in Konflikt- und Unterdrückungszuständen. Beim Ballet national de Marseille / (LA)HORDE wird Tanz zur Grenzüberschreitung in Richtung Revolte, während Mélissa Guex Strategien für den Umgang mit einer scheinbar hoffnungslosen Gegenwart entwickelt. Diese Arbeiten spiegeln – wie zusammenfließende Wettersysteme – eine Welt im Fluss: aufgewühlt, miteinander verbunden und auf der Suche nach neuen Horizonten.

Jenseits dieser Stürme suchen Künstler*innen in der Natur und in ökologischen Rhythmen Instrumente zur Reflexion und Transformation. Dana Michel befasst sich mit dem Schwimmen und seinen maritimen Geschichten und das Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan mit Cheng Tsung-lung lassen an von Elementarkräften geformte Landschaften denken. Simona Deaconescu, Ioana Vreme Moser und Simina Oprescu ziehen Parallelen zwischen natürlichen Wasserläufen und unseren Körpern und Lenio Kaklea untersucht die Bewegungen von Vögeln als System von Konkurrenz und Spiel. Kareth Schaffer und Jonas Hauer gehen der Frage nach, was wir vom Echolot der Fledermäuse über das Gespür für unsere Umgebung und unsere Wahrnehmung lernen können. In diesen Arbeiten ist die Natur nicht bloß Kulisse, sondern eine dynamische Kraft, mit der wir unseren Platz in einer gemeinsam bewohnten Welt neu bestimmen können.

Nichts beruhigt sich: weder die Geschichte noch die Geografie und auch nicht die Gegenwart. Nicht als Einzelereignisse fegen Stürme über uns hinweg, vielmehr als aufgestaute Gewalten; was weit entfernt scheint, ist plötzlich ganz nah; was stabil schien, erweist sich als fragil. In einem solchen politischen Klima bietet künstlerisches Schaffen eine Möglichkeit, wach zu bleiben – nicht außerhalb der Welt zu stehen, sondern ihre Druckverhältnisse wahrzunehmen. Künstlerische Arbeit und kollektive Verantwortung eröffnen in instabilen Zeiten eine Chance zur gemeinsamen Orientierung.

Das Festival bietet anstelle von Lösungen ein gemeinsames Durchschreiten der sich derzeit wandelnden Verhältnisse. Und während sich das Wetter weiter wandelt, bleiben wir darin: aufmerksam, verwoben und im Einklang mit dem, was uns durchströmt.

Ricardo Carmona – Künstlerischer Leiter & Team Tanz im August
Mai 2026

Aussichten: wechselhaft

Grußwort von Annemie Vanackere


Zur Inspiration für die diesjährige visuelle Erscheinung des Festivals Tanz im August ist das Team in die Welt der Wetterkarten eingetaucht. Hervorgeholt wurden unterschiedliche grafische Darstellungen, die komplexe meteorologische Daten wie Luftdruck, Temperatur und Niederschlag mittels Linien, Pfeilen, Symbolen und Farbskalen auf einen Blick erfassbar machen sollen – egal, ob für die aktuelle Situation, für die Vergangenheit oder als Vorhersage für die Zukunft. Es sind – oft sehr schöne – Abstraktionen, die Phänomene sichtbar machen, die wir nicht beherrschen, oder besser noch: denen wir ausgeliefert sind.

In diesem Sinne symbolisieren die Wetterkarten für mich ein Paradox. Sie sind einerseits ein Produkt des Anthropozäns (ein Begriff, der den menschlichen Einfluss und seine Dominanz über die biologischen, chemischen und geologischen Prozesse der Erde beschreibt) und damit auch Teil der – patriarchalen – Besitzfantasie, dass wir Menschen die alleinigen Machthaber*innen auf diesem Planeten sind. Andererseits springt uns aus den farbigen Darstellungen unsere Verantwortung für die Klimakrise an, die – so viel ist bekannt – direkten Einfluss auf Fluchtbewegungen, soziale Unruhen, Kriege und wirtschaftliche und politische Stabilität hat. Und dabei können wir uns leicht sehr hilflos fühlen.

So hat mit Blick auf die Krisen und Kriege der letzten Jahre für viele ein starkes Ohnmachtsgefühl die Oberhand über die Allmachtsfantasie gewonnen. Die weltpolitischen Stürme brauen sich über uns zusammen, ausgelöst von Prozessen, an denen wir gefühlt keinen Anteil hatten und haben. Vielleicht ist der Schock dieses Gefühls auch nur ein westeuropäischer und andere Regionen sahen sich schon immer wehrlos dem Spiel der Weltmächte ausgeliefert?

Wir sind Einwirkungen ausgesetzt, die wir als Individuen nicht beherrschen – und vielleicht nie beherrscht haben. Damit sollten wir wieder lernen, besser umzugehen. Eine Aufgabe, die sich auch immer die Kunst gestellt hat. Ob sie das nun auf emotional-existenzielle, politisch-aktivierende oder philosophische Weise macht – sie gibt uns Formen für diesen Umgang. Zugleich ist die Kunst – und vor allem der Tanz! – abhängig von den äußeren Bedingungen unseres Produzierens und wird durch das politische Klima und die öffentliche Finanzierung bestimmt. Dieser Nährboden ist auch nicht mehr so selbstverständlich, wie es uns lange Zeit schien. Auch hier sind Turbulenzen, Zeitenwenden, Hochs und Tiefs zu verzeichnen, in der Bundespolitik, vor allem aber in der Landespolitik Berlins. “Aussichten: wechselhaft”, nennt die Wettervorhersage das wohl.

Was können wir tun, wenn wir uns von den politischen Wetterbedingungen hin und her gepustet fühlen? Wir können, gegen alle Wetter – oder besser: mit dem Wetter? – etwas kreieren, das, paradoxerweise in seiner Flüchtigkeit, beständig ist: Allianzen der Augenblicke, die uns verbinden für kommende Projekte; Momente, die in unserer Erinnerung bleiben und uns ausstatten mit Zuversicht. So kann es zumindest uns – und wir sind sehr viele –, die sensibel und verbunden bleiben wollen, gelingen, mit dem und gegen den und im Sturm beweglich zu bleiben. Und das erlaubt uns insbesondere der Tanz! Denn es gibt noch Tänze zu tanzen abseits der Menschen und ihrer Allmachtsfantasien.

Für diese motivierende Perspektive danke ich Ricardo Carmona und seinen Kolleg*innen, allen beteiligten Künstler*innen und ihren Teams sowie unseren Partner*innen in der Stadt, ohne die sich Tanz im August nicht so wie der Wind bewegen könnte: den Berliner Festspielen, der Berlinischen Galerie, dem GLS Event Campus Berlin, Grün Berlin, dem Kultur Büro Elisabeth, dem Radialsystem, den Sophiensælen, der Tanzfabrik und Making a Difference. Wir danken unseren Förder*innen, allen voran dem Land Berlin, dem Hauptstadtkulturfonds, der Europäischen Union sowie den Botschaften, Kulturinstituten und Stiftungen. Sie unterstützen uns, das HAU Hebbel am Ufer und das Festival Tanz im August, auch in stürmischen Zeiten und geben uns damit Hoffnung auf Beständigkeit.

Ich wünsche Ihnen, Euch und uns, dass wir im August 2026 viele glückliche Momente haben werden und dass wir zusammenkommen – bei welchem Wetter auch immer!

Annemie Vanackere – Intendanz & Geschäftsführung HAU Hebbel am Ufer 
Mai 2026