Archiv am Anfang

30 Jahre “Tanz im August“? Wie war das nochmal? Wer? Wo? Wann? Suchen, suchen, vielleicht finden, weitersuchen, endlich finden, ausbreiten... Hätte es nicht auch ein Gang ins Archiv getan? Nein, denn es gibt kein Archiv, das die Geschichte des Festivals “Tanz im August“ dokumentiert. Keine Zeit, keine Leute, kein Geld – das Übliche. Dafür gibt es Kartons, die an verschiedenen Orten verstaut wurden, z.B. im HAU Hebbel am Ufer; in privaten Archiven und persönlichen Erinnerungen. Es gibt Findbücher und Akten in Archiven, z.B. in der Akademie der Künste. Es gibt Fotograf*innen mit Archiv. Es gibt die Mediathek für Tanz und Theater am Internationalen Theaterinstitut/Mime Centrum, die nie als Archiv gedacht war aber eines wurde:

  • O-Ton Thilo Wittenbecher, Projektleitung Internationales Theaterinstitut/Mime Centrum

    “Es ist eigentlich ein nicht kuratiertes, wundersam chaotisches Archiv. Es gibt hier kein Kriterium, was hier nicht reindarf, außer es ist nichts drauf auf dem Video...wir sammeln keine Trailer. Wir haben nur komplette Aufzeichnungen oder komplette Sachen, das ist das einzige Kriterium. Und deswegen finden sich mitunter relativ unbekannte Künstler genauso wie Jerome Bel...oder Platel. Oder auch Sachen, die weiter zurückliegen wie Pina Bausch.“

Es gibt viele Protagonist*innen, die die Geschichte, ihre Geschichte mit dem Festival im Kopf bewahren, z.B. Claudia Feest, Mitbegründerin der Tanzfabrik:

  • O-Ton Claudia Feest

    “Es war der Zeitgeist, es war der Bedarf, es war die Notwendigkeit so ein Festival und damit auch die TanzWerkstatt auf den Weg zu bringen, die als organisatorische Struktur für das Festival da war. Aber das Tanzfestival, dieses internationale Tanzfestival “Tanz im August“ ist entstanden durch Ideensammlungen und Zusammenführungen von verschiedenen Seiten und da war die Tanzfabrik mit Dieter Heitkamp, Jacalyn Carley und mir, wir waren da Mitinitiatoren. Wir haben von der Tanzfabrik sowohl die Studiobühne, die wir hatten, zur Verfügung gestellt, aber ganz wesentlich auch die Räume für Profitraining, für die ganzen Workshops und weitere Fortbildungssessions und für das Programm, was ein wesentlicher Bestandteil des Festivals war. Und das künstlerische Programm wurde dann eher vom Hebbel-Theater getragen, und dann der TanzWerkstatt.“

Was alles in den vergangenen 30 Jahren da war und vergessen wurde und/oder verloren gegangen ist, weiß niemand:

“Das Archiv ist kein Lager, aus dem man nach Belieben schöpft, es ist stets ein Mangel“ (Arlette Frage: Der Geschmack des Archivs)

Ja, warum ist das Programmheft 2001 nicht da? Alle anderen sind da... wir werden es finden, daran zweifeln wir nicht. Suchen... fragen...

Cover von Arlette Farge: Der Geschmack des Archivs (1989)

Wir telefonieren, mailen, wühlen uns durch wenig sortierte Kartons, sichten Programmhefte, Manuskripte, Artikel, Filme und Fotosammlungen. Geduld ist gefragt. Zufälle kommen zur Hilfe. Glück ist dabei. Mit den Monaten entsteht ein Netzwerk. Immer mehr Personen treten ein, Orte kommen hinzu. Wir durchsuchen die Geschichte des Festivals und entdecken auch die Geschichte des alten West-Berlin.

Die angeschafften grauen Archivkartons füllen sich und die Website des Festivals kann gefüttert werden - das analoge und digitale Archiv Tanz im August ist geboren.