Die Freiheit der Form

Isabelle Schad schafft raumgreifende Figurationen und entwischt festen Zuordnungen

Text: Christine Matschke

Den mikropolitischen Widerstand in ihrer Arbeit herauszukristallisieren, ist Isabelle Schad ein großes Anliegen. Für das diesjährige Festival verlässt die Choreografin die Bühne und entwirft im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst die Ausstellung “INSIDE OUT”.

Isabelle Schad trainiert täglich Aikido. Das ist mit das Erste, wovon sie mir erzählt, als wir in ihrer Küche sitzen. Einfach nur Fragen beantworten, möchte sie nicht. Das gibt sie mir seit ihrer ersten E-Mail mit subtiler Beharrlichkeit zu verstehen. 

Loslassen

Gut so. Schads Aikido-Lehrer also – eine Koryphäe auf seinem Gebiet – verbindet Aikido mit Zen-Meditation. Nicht selten sucht der Vierundsiebzigjährige den geistigen Austausch mit seinen Schüler*innen. Eine Eigenschaft, die Schad an ihm schätzt. Denn auch sie liebt es ihr Wissen – theoretisch wie praktisch – mit anderen zu teilen: “Derjenige, der bei der Übung ganz bei sich bleibt und nicht in der Repetition ist – wie ein Ausnahme-Geiger auf einem Konzert, der wirklich da ist, wenn er geigt – habe Talent”, paraphrasiert Schad ihren Lehrer. Das ist die erste Linie, eine von vielen weiteren, die Schad für mich zieht, um mir ein Bild von ihrer Arbeit zu skizzieren. Techniken klar zu studieren, gehöre zum Aikido dazu. Aber es ginge immer auch darum, wieviel Freiheit und wieviel Persönlichkeit sich in der Form ausdrücken könne.

‘Talent’, man könnte es auch den Moment absoluter Präsenz nennen, strebt Schad für jedes ihrer Stücke an. Rhythmische Wiederholung und Variation von Bewegungssequenzen, die eine spürbare Energie entfalten, sind wesentliche Prinzipien ihrer choreografischen Praxis. Eine Energie, die sich überträgt und in der Zuschauerin mitunter totale Entspannung und Zufriedenheit auslösen kann.

Kategorien entwischen

Mit ihren raumgreifenden Figurationen möchte Schad innere Bewegungen sichtbar machen. Das meint im Wesentlichen die Visualisierung somatischer Praktiken aus dem Body Mind Centering, bei der sie maßgeblich aus einem Embryologie-Workshop von Bonnie Bainbridge Cohen schöpft: “Die Nabelschnur zur Mutter bildet sich erst zwischen der vierten bis achten Woche heraus, das heißt davor entwickeln wir uns aus unserem eigenen Raum. Deshalb spreche ich auch davon, dass Körper zu Räumen und Bühnen werden, anstelle Körper über Bühnen und in Räumen hin und her zu schieben.” Dieses Form-Werden von Körpern ist bei Schad entscheidend. Ihre Art des Choreografierens gleicht einem energetischen Modellieren, das niemals abgeschlossen ist und den Körper, gedacht als Material, über Wiederholung und Variation von Bewegung vorübergehend zu Formen verdichtet. Der Körper ist hier zugleich Bewegungsmotor und sich umformendes Material, das sich ähnlich wie Ton auf einem Drehteller im Form-suchenden Tun seines Hand und Augen koordinierenden Gestalters Schicht um Schicht in den Raum hinein und hinaus schiebt.

Visuell sind Schads energetische Skulpturen von ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Laurent Goldring geprägt. Um Prozesse innerer Bewegung sichtbar zu machen, haben sie gemeinsam das Konzept des ‘Verstärkers’ erfunden. Für das erste gemeinsame Projekt “Unturtled #1–4” (seit 2009), hat Goldring überdimensionale Kleidungsstücke vorgeschlagen, um die inneren Bewegungen zu zeigen. Später, für “Der Bau” (2013) verloren die Kleider ihre Nähte und wurden zu langen Stoffbahnen, in “Collective Jumps” (Premiere am HAU Hebbel am Ufer, 2014) wurde die Gruppe zum Verstärker.

Das Offene und Unabgeschlossene, das Schads energetische Skulpturen auszeichnet, schlägt sich auch auf semantischer Ebene nieder: Keine Bildidee wird hier bis ins letzte Detail ausformuliert, sondern von Schad immer nur assoziativ in eine Richtung gelenkt. Von Schubladendenken hält sie nichts. Weshalb sie auch äußerst ungern feststehende Begriffe benutzt: “Begrifflichkeiten werden schnell in Kategorien gedacht. Genau dem möchte ich entwischen.” Ein Ansatz, der Körper und Geist gewissermaßen offenhält und einen ungeformten, intuitiveren, man könnte auch sagen: kreativeren Blick auf Welt(-ordnungen) ermöglicht: “Es sind die anderen Bilder und Angebote von Bildlichkeiten, die mich interessieren, bei denen der Betrachter einen aktiven Blick bekommt und bei denen man versucht zu begreifen, aber eben nicht mit dem Verstand, sondern durch sinnliches Wahrnehmen.”

"Der Bau" von Isabelle Schad und Laurent Goldring
Video: Laurent Goldring.

Es sind die anderen Bilder und Angebote von Bildlichkeiten, die mich interessieren, bei denen der Betrachter einen aktiven Blick bekommt.

Schads künstlerisches ‘Entwischen’ – ein Wort, das sie an diesem Nachmittag mehrmals verwendet – ist eine Art visuell- sinnliches Selbstverteidigungsprinzip gegen alles, was normativ, verallgemeinernd und festgefahren ist: “Der Widerstand liegt genau darin, Kategorien zu lockern und aufzulösen, sich zu lösen von binären und stereotypisierten Bildern, die man aus den Massenmedien kennt.” Das bringt ein Interesse daran mit sich, Unterschiede und Widersprüche zuzulassen. Schad sieht in ihrer Art Bilder zu entwerfen eine politische Dimension: “Für mich liegt dieses widerständige Potenzial darin, dass man sich eben nicht abgrenzt – diese Abgrenzung und Kategorisierung ist ja eine Art rechtes Gedankengut, das man wiederfindet in Wettkampf, Wettbewerb oder Krieg.”

Mikropolitische Praxis

Auch in der Praxis mit ihren Performer*innen versucht sie herauszukristallisieren, worin sich das widerständige Potenzial des Körpers ausdrückt. Deshalb tauscht sie sich mit ihnen schreibend darüber aus. Schad möchte herausfinden, wie das Mikropolitische in der Praxis definiert werden kann. Für die Gruppenchoreografie “Collective Jumps” (2014), den ersten Teil einer Trilogie über kollektive Körper, zu dem auch das Stück “Pieces and Elements” (2016) und ihr für 2019 geplantes Projekt “Reflections” gehören, hat sie zusammen mit den Performer*innen ein Manifest verfasst:

“Der Körper dieser Gruppe besteht aus Vielen. Wir widmen uns Praktiken, die gemeinschaftsbildend sind, nicht individualisierend. Wir verstehen diese Praktiken als Weg. Sie sind biologischer, zellulärer, energetischer Natur. Wir verstehen Freiheit im Verhältnis zu Form. Form, die aus inneren Prozessen und ihren Rhythmen entsteht. Rhythmus schafft demnach die Form. Das Vielfältige, Subjektive. Und Variation, sogar innerhalb von Wiederholung. Wir verstehen Freiheit als das Wesen des Glücks. Wir suchen nach Gleichwertigkeit in der Bewegung und nach dem Ende von Hierarchie zwischen Körperteilen. Beziehungen  zwischen Körperteilen sind wie Beziehungen zwischen den Performern innerhalb der Gruppe zu verstehen. (...) Kann ein endloser, vereinigter, utopischer, monströser Körper einer Gruppe zum Ort des Widerstandes werden? Kann der Körper selbst zum Ort des Widerstandes werden, der Körper eines Tänzers?”

Hierarchien bricht Schad in der Arbeit mit Gruppen ganz physiologisch auf: Auch hier beruft sie sich auf Bonnie Bainbridge Cohens Workshop zum Thema erfahrbare Embryologie, nach der am Anfang jeden Lebens alle Zellen gleich wichtig sind. Innerhalb einer gemeinsamen Form, beispielsweise dem gemeinsamen Gehen, schafft Schad deshalb Bewusstsein dafür, dass jede*r eine andere Atemlänge und daher auch einen unterschiedlichen Bewegungsrhythmus hat. Körper können hier einer Synchronizität unterliegen, müssen aber nicht synchron funktionieren. “We understand synchronicity as the moment when things fall together in time, a phenomenon of energy”, heißt es in der englischen Langversion des Manifests. ‘Spüren’ ist bei dieser Art von Gruppenarbeit ganz wichtig. Aus einer Sensibilität für das Eigene wird eine Sensibilität für die jeweilige Gruppe entwickelt. Der spezifische Umgang mit Kraft im Aikido ist dabei ein wichtiger Anhaltspunkt für kollektiven körperlichen Widerstand. Eine Kraft, die nicht forcierend wirkt, sondern eine hohe Sensibilität für den eigenen Körper verlangt. Man müsse sich selbst bewegen, um jemand anderen zu bewegen, heißt es im Aikido – Schad versteht auch dies politisch.

Andere Räume öffnen

"Collective Jumps" von Isabelle Schad und Laurent Goldring
Video: Laurent Goldring.

Isabelle Schads neuste Arbeit “INSIDE OUT” hat sie speziell für das KINDL - Zentrum für zeitgenössische Kunst entworfen. Im Gegensatz zur Bühnenarbeit bieten die verschiedenen Räume des Museums die Möglichkeit, mit Perspektivwechseln und zeitlicher Ausdehnung zu arbeiten. Insgesamt sechs Skulpturen, die sie aus Sequenzen bestehender und zukünftiger Stücke erarbeitet, sind geplant. Mit zwei dieser Skulpturen vertieft sie Aspekte ihrer neusten Porträt-Stücke “Double Portrait” und “Turning Solo” (Premiere am HAU Hebbel am Ufer, 2017). Zudem wird sie in Zusammenarbeit mit Laurent Goldring den ‘Bundle’, einen amorphen Haufen aus Stofffetzen, aus der gemeinsam entwickelten Produktion “Der Bau” (2013) als Skulptur inszenieren. Eine Gruppenskulptur speist sich aus der Produktion “Pieces and Elements” (Premiere am HAU Hebbel am Ufer, 2016), die Schad in Analogie zu ihrer Porträtserie und zur bildenden Kunst zu den sogenannten Landschaftsstücken zählt, und zwei Module entstehen aus dem für 2019 geplanten Projekt “Reflections”. In Isabelle Schads energetischer Ausstellung steht jede Skulptur für sich. Bestenfalls aber wird sie das Publikum in Bewegung versetzen.

Isabelle Schad | INSIDE OUT

16.+17.8., 18:00 | 18.+19.8., 15:00
KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst
Uraufführung