
Tief unter den glänzenden Plastikgehäusen und spiegelnden Screens zeitgenössischer Technologien liegt begraben, was Anan Fries das TF-Spektrum nennt: ein weit verzweigtes Feld zwischen Tech-Feminismus und Tech-Faschismus, in dessen dicht übereinander liegenden Schichten widersprüchliche Fantasien, Ideologien und Zukunftsentwürfe aus denselben Bedingungen hervorgehen. Vorstellungen queerer Schwangerschaften und neuer Formen von Kinship verzahnen sich hier mit eugenischen Träumen von Kontrolle und Optimierung. Emanzipation und Überwachung teilen sich dieselben Infrastrukturen und Interfaces, bisweilen sogar die gleiche benutzer*innenfreundliche Ästhetik. In Performances, Games und hybriden Bühnenwelten gräbt Fries tief in dieses widersprüchliche Terrain und legt spekulative Szenarien frei, in denen technologische Utopien Körper formen, Begehren organisieren und ihre eigenen Mythen hervorbringen.
Anan Fries arbeitet interdisziplinär zwischen Berlin und Basel und beschäftigt sich schon lange mit der Kunst des Weltenbauens. Nach vielen Jahren in den unabhängigen Performing Arts, unter anderem als Gründungsmitglied des Theater-Game-Kollektivs machina eX – mit dem das HAU seit 2011 zusammenarbeitet – und des queerfeministischen Performancekollektivs Henrike Iglesias, hat Fries eine dramaturgische Sprache entwickelt, in der sich die unsichtbaren Logiken digitaler Umgebungen auf Körper, Räume und Bewegungen übertragen. In “Virtual Wombs” (2021, HAU, gemeinsam mit Malu Peeters), führt Fries durch den Körper eines schwangeren Post-Humans, in dem VR, Live-Performance und spekulatives Worldbuilding neue Bilder von Schwangerschaft und nicht-normativer Reproduktion entwerfen. Der Körper wird dabei zum Schauplatz technologischer Utopien darüber, wie alternative Formen von Verwandtschaft Zukunft neu materialisieren könnten. “R.I.P. – Resurrect in Peace II” (2024, HAU) übersetzt ein Begräbnisritual für eine ausgestorbene Vogelart mittels Live-Tracking in ein digitales Ökosystem, in dem sich körperliche Präsenz, Simulation und spekulative Erzählungen überlagern. Fries’ Bühnen sind bevölkert von den Geistern unserer technologisierten Welt und zugleich aus ihren Werkzeugen gebaut.
“LORECORE” (2026, HAU) gräbt noch tiefer in die dunklen Katakomben des Silicon Valleys. Ein Avatar durchstreift die düsteren Korridore eines mittelalterlichen Dungeons, während drei Performer*innen in den endlosen Schleifen viraler TikTok-Tänze feststecken. Die großen Mythen der Tech-Industrie erscheinen wie Artefakte einer vergessenen Zivilisation: heroische Gründerfiguren, technologische Wunder, Visionen einer bevorstehenden Apokalypse. Live-Gaming, repetitive Choreografie und Videoessay verdichten sich zu einer Bühne, die zunehmend der Logik eines algorithmischen Feeds folgt, in dem politische Prophezeiungen neben Katzenvideos und den Erzählungen von Big Tech zirkulieren. Wie die Lore eines Games, die sich erst beim Erkunden aus verstreuten Fundstücken erschließt, setzt sich hier eine Realität zusammen, die fortwährend an ihrer eigenen Ursprungslegende schreibt.
In “PURGR” (2026), einem kollektiven Reinigungsritual für unkeusche Smartphones, werden technische Geräte zu Kultobjekten. Die Arbeit war Teil von “New Rituals [for the End of the World]” (HEK Basel), einer von Fries gemeinsam mit Marlene Wenger kuratierten Ausstellung über rituelle Praktiken, die sich unter den Bedingungen gegenwärtiger Herausforderung herausbilden. Der Wunsch nach Spiritualität entspringt dabei, so Fries, gerade dem Fehlen eines Glaubens, der wirklich überzeugt, angesichts einer Welt, in der Maschinen längst eigene Rituale hervorbringen. Zwischen Bühne und Bildschirm legt Fries Schicht um Schicht diese widersprüchlichen Ablagerungen frei und zeigt das TF-Spektrum als Sediment unserer Zeit: ideologisch aufgeladen, hochmediatisiert und tief in unsere alltäglichen Gesten eingelassen.
Sophie Publig