Annemie Vanackere, Intendanz & Geschäftsführung HAU Hebbel am Ufer, 13. August 2026
“Es liegt eine Traurigkeit in der Luft. Sie ist noch schwach, aber real. Als würden wir nicht das betrauern, was schon verloren ist, sondern das, was wir ganz sicher verlieren werden. Zum ersten Mal in der Geschichte trauert die Menschheit im Tempus der Zukunft. Doch noch ist nicht alles Schöne verschwunden. Einiges existiert nach wie vor – Zitronenbäume, die Mittelmeerküsten im Frühling, beschwipste Sonntagnachmittage, ein bisschen Rechtsstaatlichkeit hier und da und viele mutige Frauen, die noch laut genug sind, um faschistischen Anführern Albträume zu bereiten. Es gibt noch Erstaunliches, Freudiges, Magisches. Aber seit einiger Zeit legt sich etwas auf unsere Netzhaut, eine Schicht aus Melancholie. Unsere Augen nehmen sie schon wahr; alles Schöne trägt den Stempel künftigen Verlusts.” So schreibt Ece Temelkuran in ihrem letzten Buch “Nation of Strangers. Unsere Heimat ist hier”.
Guten Abend, liebe Alle, die Ihr hier seid! Auch ihr, Rita Mazza und Aniella Tiedje, danke für's Dolmetschen. Mein Name ist Annemie Vanackere, Intendantin des HAU Hebbel am Ufer, und zusammen mit dem großartigen Team von Tanz im August und dem HAU freue ich mich sehr, Sie alle heute Abend zur 38sten Ausgabe von dem Festival Tanz im August begrüßen zu dürfen, hier im HAU1, dem schönen Hebbel-Theater.
I’m happy to welcome you all here for the 38th edition of Tanz im August!
And another word in English: I will speak in German, and then Artistic Director of the festival, Ricardo Carmona, will introduce us to his fourth festival programme, in English, after which, of course, we’ll see together “TRAPICANA”, a new work by Joana Tischkau, Jeremy Nedd, Sophie Yukiko, and the Malpaso Dance Company from Havana, Cuba – and of course afterwards we hope you all stay to celebrate the start of our beloved festival. So for those of you who don’t understand German, please bear with me.
“Nation of Strangers”, also. Ein treffsicheres Geburtstagsgeschenk letzten Frühling von meinen Kolleg*innen aus dem Programmteam, und gleich auch die perfekte Vorbereitung auf die zweite Edition unseres Festivals “Love is a Verb”, mit dem Titel: "We, the Heartbroken”, das im Oktober auf allen HAU-Bühnen stattfinden wird, u. a. mit einem Auftritt von Ece Temelkuran, die in 2016 aus politischen Gründen die Türkei verlassen musste. Darauf freue ich mich schon!
Die ersten Seiten des Buches haben mich sofort in den Bann gezogen, weil die Autorin es schafft, mit einer Klarheit, Präzision und zugleich Poetik zu benennen – so wie in dem Zitat am Anfang –, was viele von uns spüren, aber vielleicht noch nicht so recht greifen können. Sie schreibt Briefe an Unbekannte – an uns alle nämlich, die wir potenziell von dem gleichen Schicksal betroffen sein werden wie die Autorin, auch wenn die Gründe sehr unterschiedlich sein mögen. Das Exil, das Ohne-Heimat-Sein, das ‘Fremd’-Sein, ist etwas, das nicht nur jedem halbwegs anständigen Menschen passieren kann, sondern das in naher oder mittelferner Zukunft den meisten halbwegs anständigen Menschen auch zustoßen wird. To be or become unhomed, so wie es auf Englisch heißt. Und das gilt nicht nur für die Menschen, die nachts in einer orangen Weste in ein Boot gestiegen sind oder per Flugzeug ins Exil gegangen sind; oder die, die plötzlich ihre Wohnung verloren haben, und sich wie Vertriebene – durch Krieg oder anderes Malheur – auf der Straße aufhalten; oder die Menschen, die wissen, dass sie bald ihre Heimat an Waldbrände oder das ansteigende Meer verlieren werden. Es sind auch die, die sich in ihrem eigenen Land nicht mehr zugehörig fühlen, weil die Faschisten – so wie Temelkuran sie hartnäckig nennt – das, was auch wir Heimat nennen, für sich beanspruchen. Es sind also Briefe an alle, eben, die Angst haben, „dass es nicht mehr genug Zukunft geben könnte, um für Gerechtigkeit zu sorgen“.
Beim Lesen der Briefe fühlte ich mich direkt angesprochen, und fieberte mit, welche Folgen sie aus dieser Bestandaufnahme ableiten würde. Verkürzt gesagt – und lesen Sie vor allem selber das ganze Buch! –: Statt uns zu verlieren im Zelebrieren der feinen Unterschiede zwischen uns, sollten wir in einer Zeit wie dieser, in der so vielen draußen in der Kälte bei den Monstern sind, neue Zugehörigkeiten bilden. Dabei geht es weniger um Hoffnung, weil zu hoffen zu oft heißt: zu warten und stehen zu bleiben, sondern um Entschlossenheit, um Vertrauen und Willen, alles zu tun, um zu überleben, wenn es keine Hoffnung gibt. Nicht aufgeben angesichts der Zumutungen der Zeitgeschichte und aus der Entwurzelung eine paradox tröstliche Form von Zugehörigkeit gewinnen. Die neue Heimat ist im Hier und Jetzt. Und alle, die sich irgendwie ‘fremd’ fühlen, sind zusammengenommen vielleicht sogar die Mehrheit! Allerdings nur, sagt Temelkuran, wenn wir es aussprechen, wenn wir sagen: Wir sind die Nation der Fremden, die stetig wächst.
Sich aussprechen, und sich gegenseitig halten, unsere Unterschiede miteinander verknüpfen und etwas Schönes daraus machen, weil es das Schöne ist, das unbemerkt die Seele prägt. “Unser Überleben wird von unserem inneren Drang abhängen, Schönes hervorzubringen, und zwar gemeinsam.”, sagt Temelkuran.
In den kommenden Wochen werden wir eine “Nation of Strangers” rund um den Tanz bilden, und dabei Schönes hervorbringen beziehungsweise erfahren können, vielleicht sogar ohne den Stempel des Verlusts. Der Tanz als temporäre Heimat im Hier und Jetzt! Viele Künstler*innen im Festival werden genau wissen, worüber ich spreche. Und ich vermute auch viele hier im Saal, die die Gegenwart aus unterschiedlichen Gründen zu sehr befremdet. Ich fühle mich im Moment politisch heimatlos, und nicht nur, weil ich zu dem fast einen Drittel der Bewohner*innen unserer geliebten Stadt gehöre, die mangels deutschen Passes nicht für das Abgeordnetenhaus wählen dürfen. Was wohl wäre, wenn alle diese ‘Fremden’ zur Urne gehen dürften? Und was wohl wäre, wenn auch ihre Wünsche und Bedürfnisse im Mittelpunkt der politischen Programme stünden? Warum steht in diesen Programmen eigentlich nicht mehr vom “Schönen, das die Seele prägt”? Bei Kunst und Kultur, bei Festivals und gemeinsamen Erlebnissen, geht es doch nicht nur um ‘Das gibt es auch noch’, oder schlimmer noch: unter ‘ferner liefen’!
Nein, hier geht es schlichtweg um Menschlichkeit, insbesondere in Berlin, einer Stadt, in der sich paradoxerweise viele der Sich-Fremdfühlenden immer zu Hause gefühlt haben, so wie Exilierte und auch Queere Menschen. Hier geht es um das, was uns ausmacht, was uns besser macht – um Freude. Denn, um ein letztes Mal Temelkuran zu zitieren: “Dort, wo Angst herrscht, ist der Mensch heimatlos. Heimat ist, wo Freude herrscht.”
Und so sagt es heute auch Fernando Sáez, Leiter der Malpaso Dance Company, in einem Interview: “Schönheit ist etwas sehr Wichtiges – und letzten Endes auch etwas Politisches. Damit arbeiten und daran glauben wir. Das, denke ich, gibt uns unseren Zusammenhalt und die Kraft, trotz allem weiterzumachen. Schönheit, und das Bemühen um Integrität.” (1)
In diesem Sinne möchte ich jenen danken, die mit uns arbeiten, die sich als verlässliche Partner*innen für Tanz im August Jahr für Jahr erweisen, mit uns gemeinsam 'fremd' sind und uns so Freude machen. Das ist umso wichtiger, in einer Zeit, wo wir, neben unserem Engagement bei ‘BerlinIstKultur’, einem Aktionsbündnis gegen die Kulturkürzungen in Berlin, auch um die Finanzierung von Tanz im August in der Zukunft kämpfen. Ab 2029 herrscht nämlich da besorgniserregende Unsicherheit. Wir setzen entschlossen darauf, dass auch die Bundespolitik verlässlicher ‘Partner in Joy’ bleiben und ihre Verantwortung für Tanz im August wahrnehmen wird! Und danken für die großzügige Unterstützung dieses Jahr über den Haupstadtkulturfonds. Genauso danken wir dem Senat von Berlin, der das HAU und Tanz im August ebenfalls und noch immer großzügig fördert, als Haus die Zusammenkunft für alle möglichen ‘Fremden’. Und ich danke von Herzen unseren Partner*innen in der Stadt, die mit uns Räume der Freude und Schönheit als temporäre Heimaten für den Tanz ermöglichen: den Berliner Festspielen, Grün Berlin, dem Kultur Büro Elisabeth, dem Radialsystem, den Sophiensælen, der Berlinischen Galerie und dem Stadtbad Oderberger. Auch der Europäischen Union, dem Goethe-Institut und diversen Botschaften danke ich für ihre Unterstützung.
Ich freue mich, wenn wir heute eine andere Art Botschaft bilden, eine Botschaft der “Nation of Strangers”, in der Schönes und Freude herrschen und wir eine Heimat finden. Wenn Sie und Ihr eintreten wollt, lasst uns nach der Show im WAU beim HAU2 zusammen feiern und tanzen.
(1) “Kuba blutet”: Ein Tanzensemble ringt dem Elend Bedeutung ab. Fernando Sáez im Interview mit Michaela Schlagenwerth, Berliner Zeitung, 12.08.2026:
https://www.berliner-zeitung.de/article/malpaso-dance-company-tanz-in-kubas-tiefer-krise-10282575
