Das Hebbel-Theater

Außenfassade des HAU1 | Foto: Jürgen Fehrmann
"Als wir hier anfingen, war ein Fußgänger auf der Stresemannstraße eine Seltenheit", erinnert sich Nele Hertling an die Anfangsjahre. Am Rande der Mauer zu Ostberlin gelegen, befand sich das Hebbel-Theater in einer wenig belebten Gegend West-Berlins. Das lange verwaiste und nur als Ausweichquartier genutzte Hebbel-Theater wurde 1986/87 vom Berliner Senat für die 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin modernisiert, renoviert und 1987 wiedereröffnet. Ein Glücksfall für das ein Jahr später stattfindende europäische ‘Kulturstadtjahr‘, das ein Theater für seine internationalen Produktionen und Gastspiele brauchte. Neben Theater- und Musiktheateraufführungen wurden mehrere Gastspiele der TanzWerkstatt im Juni 1988 im Hebbel-Theater aufgeführt – der Boden für das spätere Profil des Theaters gelegt. 
“Als wir ernannt wurden, das Kulturstadtprogramm zu machen im Sommer ’86, gab es keine Orte mehr für uns. Die waren ja alle verplant. Eines der großen Programme von E 88 war ja auch neue Orte zu finden. Aber das war schwierig und für Tanz, wo man Innenräume brauchte, fast unmöglich. Sodass das Land dann entschieden hat, uns das noch im Bau, also im Restaurierungsbau, befindliche Hebbel-Theater als Ort zu übergeben. Wir haben dann ja in den Kellern rundum unsere Büros gehabt, aber es war durchaus nicht fertig. Sodass wir auch in der Programmplanung natürlich sehr abhängig waren von dem Raumangebot oder den fehlenden Räumen und für die TanzWerkstatt haben wir dann in Kreuzberg eben das alte Ballhaus gemietet und dort die Leute arbeiten lassen. Das war ein schwieriger Punkt. Aber wir haben dann eben gleichzeitig angefangen, den Kultursenator zu löchern, dass das Hebbel-Theater als Ort eigentlich ein neues Konzept präsentieren könnte. Ein bisschen angelehnt an Tom Stromberg und das Theater am Turm in Frankfurt, der ja als erster angefangen hatte, wirklich international zu produzieren und einzuladen, mit dem wir auch eng gearbeitet haben. Und auch angelehnt oder aufgebaut auf den Erfahrungen, die wir mit dem internationalen Programm ‘88 machen konnten. Wir haben Kollegen kennengelernt in Amsterdam, Brüssel, Salzburg und Paris, sodass die Idee immer stärker wurde, Berlin braucht auch in Zukunft einen Ort, an dem man auf ganz andere Weise als im Repertoiretheater endlich mal die Chance hat, internationale Arbeit zu machen, die ja in Berlin nicht vorkam, denn ein Repertoiretheater kann und braucht das nicht, sodass wir den Senator versucht haben, immer stärker zu beeinflussen: Haltet dieses Theater, macht kein deutsches Repertoiretheater draus.“
Trotz aller Widerstände ließ sich Kultursenator Volker Hassemer überzeugen. Ende 1988 überträgt er die Geschäftsführung und künstlerische Leitung der landeseigenen Hebbel-Theater Berlin Gesellschaft mbH an Nele Hertling, die gerne in das Haus nahe der Mauer gezogen ist.
Auszüge aus der Publikation "tanz.musik.theater HEBBEL“ (2000) | Credit: HAU Hebbel am Ufer
Als das kleine Team des Hebbel-Theaters im Januar 1989 mit eigenem Programm an den Start ging, löste ihr Theater ohne Ensemble, ohne Repertoirebetrieb und stattlicher Verwaltung in Berlin, in ganz Deutschland Befremden aus. Was für ein Theater sollte das denn sein? Im Vergleich zu den üblichen Staats- und Stadttheatern doch nur eine halbe Portion? Nele Hertling sah in diesen Konditionen ganz im Gegenteil eine Chance. Das Hebbel-Theater entwickelte sich über die Jahre zu einer internationalen Koproduktionsstätte für zeitgenössisches Theater, modernen Tanz und neues Musiktheater. In einem flexiblen Netzwerk mit vergleichbaren Häusern und Festivals wurden ambitionierten, innovativen Künstler*innen durch verschiedene Kooperationsmodelle angemessene Arbeits- und Präsentationsformen ermöglicht.
Maria Magdalena Schwaegermann, die 1987 zu Nele Hertling stieß (bis 2003 ihre Stellvertreterin im Hebbel-Theater war), erlebte die Chancen z.B. in der Zusammenarbeit mit Robert Wilson zu “Dr. Faustus lights the Lights“:
“Er war ja damals schon jemand, aber natürlich nicht der Weltstar, der er heute ist. Und er ist zu uns gekommen und er wollte mit Studenten arbeiten, er wollte ausprobieren. Und da gab es überhaupt gar kein Fragezeichen, das man ausprobierte. Und ich glaube, ihm war sehr klar, dass dieser kleine Laden bis an die Grenzen gegangen ist, ohne je zu stöhnen, an die Grenzen gegangen, um alles möglich zu machen, was er ausprobieren wollte. Ich denke, das ist die Leistung, die das Hebbel-Theater gebracht hat. Da gab es niemanden, der in der Buchhaltung saß und sagte, das geht jetzt nicht. Es wurde erst mal alles möglicherweise gedacht und dann kamen die Limits, aber die hat man möglicherweise miteinander besprochen. Der Apparat hat ihm etwas ganz Anderes geboten, direkte kurze Wege. Das war kein Riesenapparat, mit dem man sich auseinandersetzen musste. Damals war ja auch noch die Zeit, da hatte er zwar schon persönliche Assistenten, aber die Entourage war ja noch sehr überschaubar. Wir waren dann auch die Entourage. D.h. da gab es einfach auch ein viel intimeres Arbeitsverhältnis und das war ja eigentlich nur positiv. Es gab zwischendurch mal Stress, aber es gab ja nie den Punkt, wo er sich gehindert fühlte, und ich denke, dass ist das was ihm im Kopf bleibt.“ 
Robert Wilson: „Dr. Faustus light the Lights“, Premiere am 15.4.1992
Foto: Gerhard Kassner
Mit der Ernennung von Matthias Lilienthal zum künstlerischen Leiter und Geschäftsführer der Hebbel-Theater GmbH im September 2003 wurde aus dem Hebbel-Theater das HAU1, einer der drei Spielorte des Bühnenkombinats HAU Hebbel am Ufer. Diese ‘NeuBEgründung‘ analysiert Diedrich Diedrichsen in seinem Essay “Kontexterzwingung und Aufeinanderangewiesensein: Dichtes Milieu und Live Feuilleton – ein Werbetext“:

„Mit dem HAU Hebbel am Ufer entstand dann erstmals eine Institution, die auf diese Gemengelage reagierte; nicht nur auf inhaltlicher, sondern vor allem gerade auf institutioneller Ebene. Das HAU als mehrteilige Verkettung von Orten artikulierte, indem es drei Spielorte, die für sehr unterschiedliche Formate darstellender Kunst im weitesten Sinne geeignet sind, dass das, was man an diesen Orten macht zusammengehört, ohne dass es dafür offensichtliche Gründe geben musste: es entwickelte eine Form.“ (www.hebbel-am-ufer.de)

Das Aufeinanderangewiesensein diskursiver und künstlerischer Formate hatte Folgen, die der Autor besonders schätzt:

„...natürlich hat längst nicht alles mit allem zu tun, was am HAU stattfindet und wenn ich jeden Abend dort tatsächlich mein kulturelles Umfeld treffen würde und könnte, hätte ich längst die Stadt verlassen. Sehr viel häufiger bin ich ganz alleine dort und frage mich im Foyer des HAU2, versunken in die Betrachtung der vorbeifahrenden U1, wieso zu dieser Veranstaltung jetzt nicht diese oder jene Person erschienen ist.“
Zuschauerraum des Hebbel-Theaters | Credit: HAU Hebbel am Ufer
Diese Frage begleitet das Publikum auch jedes Jahr im August. Das Festival, das bis 2012 in Kooperation mit der "TanzWerkstatt Berlin" (zuhause im Podewil) veranstaltet wurde, wird seit dem Amtsantritt von Annemie Vanackere vom HAU Hebbel am Ufer allein verantwortet. Sie hat mit ihrem Engagement dafür gesorgt, dass das Festival besser finanziert ist, und wer wollte es heute in Frage stellen? Es hat sich als fester Bestandteil im Berliner Kulturkalender etabliert und das Hebbel-Theater gehört wie seit 1988 ganz selbstverständlich als Aufführungsort dazu. Die Tänzer*innen, Choreograph*innen und Zuschauer*innen aus aller Welt kommen im August in einen Theaterbau, der einst weder für Diskurse noch theatrale, tänzerische Experimente gebaut worden ist. Viele sind denn auch bei ihrem ersten Besuch im HAU1 überrascht. Sie stehen vor einer steinernen Trutzburg und sitzen später im mahagonigetäfelten Jugendstil Zuschauersaal oder schauen gelegentlich von der Bühne in den Saal.
Willem de Rooij , “Bouquet V”. Im Rahmen von Sammlung Haubrok: "Die Erde, zur gleichen Zeit halb so klein und doppelt so groß", Tanz im August 2015.
 
Aktuelle Beiträge

Das Hebbel-Theater
von Claudia Henne, 17. April 2018

Tanzfotograf Klaus Rabien
von Claudia Henne, 17. April 2018

Diese beiden Beiträge sind der Auftakt einer Serie zu 30 Jahre Tanz im August, die die Geschichte und Ereignisse des Festivals verfolgt. Weitere Beiträge werden ab dem 12. Juni veröffentlicht.
Foto: Dajana Lothert
Claudia Henne, aufgewachsen im Mief der 50er Jahre am ‘Zonenrand' in Niedersachsen. Nach der Lehre ‘Flucht' als au-pair-Mädchen in die USA. 1972 Umzug nach West-Berlin. Abitur, Studium der Germanistik und Politologie an der FU Berlin. 1982 Bekanntschaft mit dem Radio. Es folgen 20 Jahre als sogenannte ‘Feste Freie' im Hörfunk. Redakteurin, Moderatorin und Kritikerin für die Kulturprogramme des “Sender Freies Berlin“ (SFB) und anderer ARD-Anstalten. Gelegentlich Ausflüge in verschiedene Printmedien, Einmischung in verschiedene Bereiche der Kultur. Von 2002 bis 2016 festangestellte Redakteurin im SFB/rbb in den Kulturprogrammen, sowohl im Hörfunk als auch im Fernsehen. Seit 2017 freischaffende Kultur- und Tanzjournalistin – nach wie vor mit Leidenschaft.